Tagesend

 

Ich stehl´mir die letzte Stunde des Tages,

auch wenn sie so dunkel schon ist,

ist sie doch eben im Wachsen und Werden ~

was sie bringt, das weiß ich noch nicht.

 

So wächst sie in ihre zwölf Ringe hinein,

blind und in endloser Stille ~

und die raue Zärtlichkeit der Dunkelheit

lässt meinen Tag bald entschwinden.

 

Ich höre das Singen der Welten nicht mehr,

Chöre aus tausenden Kehlen,

als ob die Stunde mir gestorben wär ~

und schau... der neue Tag beginnt.

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Gedanken

Wohin mit all den Gedanken,
wo sind die Schranken,
die zum Stillstand sie bringen,
auch wenn sie ringen ~
und nicht weichen?

Wie wallende Gewänder,
die, eingeengt in Bänder,
sprengen alle Möglichkeiten,
Ewigkeiten überschreiten ~
und nicht enden.

Weiter strömen alle Fluten,
aus Wunden, die bluten,
uferlos und voll Verlangen,
ehe sie gefangen ~
in dem Schlund Vergessenheit.
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 Frühlingsruf

Es ist dieses leise Erwachen,
nachdem der Schlaf so unendlich schien,
zart und mild, wie der Engel Lachen
und sanft wie der Harfe Melodien.

Lässt mir die Jugend wieder sprießen,
die doch liegt am Anfang der Tage,
doch werde ich die Saat begießen
und stell die Zeit nicht mehr in Frage.

Frühling ist's, der durch die Flure streicht,
schenkt sein allererstes, warmes Sein,
große Leichtigkeit mein Herz erreicht,
ruft er doch in meinen Herbst hinein.

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Zum Erwachen

Lass meine Tiefen wieder schwingen,

wie ein Bass in dunkler Nacht,
lass mich Traumes Lieder singen,
bis der neue Tag erwacht.

So kann das Morgenrot ich ahnen,
mit erfüllter Brust erwachen ~
und den jungen Tag ermahnen,
in die Welt hinein zu lachen.

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Frei sein

 

Wie eine Wolke möcht´ ich ziehen,
fernwärts, dort am Firmament,
möcht´ mit allen Winden fliehen,
über jeden Kontinent.

 

Freiheitsstreben, Tanz im Traume,
Leichtigkeit und Liebelei,
dort, im endlos weiten Raume,
sorgenlos und vogelfrei.

 

Streifen dann die Sonnenstrahlen,
vom hellen Schein getragen sein,
hin, bis alle Sterne malen,
ihr Licht in dunkle Nacht hinein.

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Nächtens

 

Die Nacht, sie weitet sich vor mir,
hat wohl den Tag bezwungen
und alle Lichter steh´n Spalier,
wie aus dem Nichts entsprungen.

Lange Schatten auf den Straßen,
vogelfrei und namenlos,
die alsbald ganz fern verblassen,
irgendwo in Nächtens Schoß.

Und es gewinnt die Dunkelheit
an Macht und Lebensgier,
sie bläht sich auf in Raum und Zeit,
mit wachsender Begier.

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Heimwärts

 

Noch liegt ein Ort im Abendscheine,
da ziehen Nebel still in's Tal ~
und die alten Mühlensteine
drehen ächzend sich ein letztes Mal.

 

Der Bauer hat sein Feld verlassen,
bevor die Dämm'rung ihn verbannt,
schweren Schritt's, durch enge Gassen,
schlürft er heimwärts nun, mit müder Hand.

 

Da schleichen sich die Nebelfeen
um die Häuser, um die Mauern ~
und gar niemand hat gesehen,
den Gevatter Tod dort kauern.

 

Und so geschah's, auf leisen Sohlen,
in seinem nachtgeschwärzten Kleid,
kam er, den Bauern heim zu holen,
heimwärts in die Ewigkeit.

 

Nun wird die Saat niemals erblühen,
sein Feld spürt nie mehr seine Hand ~
und niemals mehr muss er sich mühen,
denn Gottes Acker ist sein Land.

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Abend wird's

Nebeltrunken schon das Tal,
Feen ziehen über'n Bach -
und der dämmrige Choral
singt aus Kehlen hundertfach.


Abend spannt in seel'ger Ruh
seine Schwingen aus - und drückt

der letzten Stund' die Augen zu,
erste Sterne sehn's entzückt.

Stolz trägt noch der alte Baum
das Licht von hundert Jahren,
bis auch er im Abendtraum
sich der Nacht kann offenbaren.


Und so trinke ich die Stille
aus dem Abendkelch der Welt,
es erfüllt sich Tages Wille,
der zu Ahnen sich gesellt.

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Traumwolke

 

Eine Wolk' nimmt meine Träume auf,
trägt sie in weite Ferne,
bringt sie in ihrem Himmelslauf
zum Horizont der Sterne.

Der junge Morgen wartet dort,
nimmt sie sogleich in seine Pflicht,
viel weiter führt er sie noch fort,
bis das Morgenrot anbricht.

Und es trägt in seinem rot Gewand
meine Träume in den Tag,
eh verrinnen sie im Sand,
spürt der Wind, dass er sie mag.

Mit einem weiten Flügelschlag
bringt behend' er sie hinfort,
in den wunderbunten Tag
des großen Regenbogens dort.

Der verwebt mit güldnen Fäden
meine Träume in sein Bunt,
bis auf diesen himmlisch Wegen
schlägt dann der Erfüllung Stund'.

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Zeit der Ahnen

Es sind Sterne in der dunklen Nacht,
die meinen Schlaf bewachen,
meine Ahnen, die mit viel Bedacht,
behüten mich bis zum Erwachen.

Und zieh'n die ersten Morgenlichter,
gehen sie ganz still und leise,
mir bleiben ihre Liebgesichter,
wie zarter Melodien Weise.

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Am Schilf

  

Sachte ein Kahn im Schilf sich wiegt,

grau der Himmel über ihm liegt,

still die Möwe auf dem Bug,

die ein zarter Wind hintrug.

 

Dieser Tag kennt keine Eile,

wie die Möwe ich verweile,

gönne meiner Seele Rast,

still und leise, ohne Hast.

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Malerin

Mit heißer Hand malt' sie dies Bild,

aus den Farben ihrer Seele,
damit ihr Weltenschmerz gestillt
und nicht weiter schwele.

All ihre Sehnsucht ausgebreitet,
Herzenstraum und Sinfonie,
Erinnerungen umgeleitet;
in den Raum der Phantasie.

Sonne trinken, Sterne fangen
und den Wind im nassen Haar,
voller Liebe und Verlangen;
bis die Seele Gold gebar.

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Wenn alle Blumen schweigen

 

Und wenn alle Blumen schweigen,

weil man sie band in ein Gebet,

kein Wind mehr tanzt im Reigen,

weil’s Stundenglas für immer steht,

 

dann murmelt auch der Bach nicht mehr -

und Vogelseelen fliegen

dem letzen Lied noch hinterher,

denn nun wird nur geschwiegen.

 

Und wenn die Sonne in den Horizont

heut taucht in dunkler Farb‘,

der Mond in schwarzen Sternen thront,

weil alles Licht erstarb,

 

dann lachst du auch kein Lachen mehr,

dein Mund wird nicht mehr küssen,

erwachen wirst nun nimmermehr,

wirst ewig schlafen müssen.

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